Ein Leben zwischen Mauren und Chicago
Jule (Julius) Bühler wurde 1933 in Mauren geboren und starb 2022 kurz vor seinem 89. Geburtstag. Für den Vormittag hatte er den Rückflug nach Chicago gebucht. Dieses Hin und Her prägte sein Leben.
Jule hatte bereits erste Texte für seine Biografie geschrieben, um sein Buchprojekt voranzutreiben. Dann starb er unerwartet, bis zuletzt voller Tatendrang und Energie. Im Auftrag der Julius Bühler Stiftung nahm sich die Historikerin Martina Sochin-D'Elia seiner Texte an. Daraus entstand die Biografie über Julius Bühler, den «Wanderer zwischen zwei Welten».
Jule wollte, wie er sich ausdrückte, «bei euch zu bleiben». Darum errichtete er letztwillig die Stiftung. Sie unterstützt die Nachkommen seiner Eltern Ottilie und Alfred Bühler bei Ausbildung und Berufsaufbau, bei Not durch Alter, Krankheit oder Unfall und in weiteren Notlagen. Sie finanziert auch ein jährliches Verwandtschaftstreffen.
_
Mauren zählt damals rund 1200 Einwohner. Jule hütet Kühe, hilft im Baugeschäft des Vaters und läuft von April bis Oktober barfuss. Mit knapp 17 packt er den Koffer und beginnt in Baden eine Lehre als Kleinmechaniker. Es folgen Praktika in Stuttgart und Altena, dann ein Studium in München, in einem Zimmer ohne fliessendes Wasser. Zu Hause fühlt er sich weder in Baden noch in Mauren. Seine Mutter schreibt ihm regelmässig, er bewahrt jeden Brief auf.
Ende 1960 landet er in Chicago. Vetter Hanni, bei dem er zuerst wohnen wollte, stirbt wenige Stunden nach seiner Ankunft. Über 50 Bewerbungen bringen nichts, die erste Stelle ist ein Job als «Mädchen für alles». Später arbeitet er bei Western Electric, ab 1978 als Aktienmakler bei Rothschild Securities. Fünfzehn Jahre lang schwankt er, ob er bleiben oder heimkehren soll.
Zwei Leidenschaften halten ihn in Bewegung. Fast 50 Jahre gehört er dem Forest Trails Hiking Club an. Mit 73 bewältigt er die 4000 Stufen der Europatreppe in Gaschurn in 38 Minuten. Mit 80 beginnt er zu klettern. Und er sammelt: Briefmarken schon als Bub, später Versteinerungen, die er als Buchstützen braucht. Aus dem Sammeln wird Forschung. Jule schreibt über tausend Adressen in Nordamerika an, auf der Suche nach Nachfahren liechtensteinischer Auswanderer. 2013 übergibt er seine Sammlung dem Landesarchiv, 2014 zeigt er im MuseumMura eine Ausstellung dazu.
Die Gestaltung passt zu diesem Stoff. Mathias Marxer und Gregor Schneider haben das Buch in engem Austausch mit Wilfried Hoop, Michael Hasler und Martina Sochin-D'Elia gestaltet. Die Form spiegelt den Inhalt: ruhiger Satz, viel Weissraum, ganzseitige Schwarzweissfotos. Zitate stehen in kursivem Blau, Jules Dialekttexte im Original. Ein kräftiges Gelb setzt Akzente. Ein Buch, das man gerne in die Hand nimmt.
_
Impressum
Idee: Johann Bühler, Michael Hasler, Dr. Wilfried Hoop
Herausgeberin: Julius Bühler Stiftung, Mauren
Autorin: Dr. Martina Sochin-D’Elia, Eschen
Lektorat: Dr. Andrea Schaller, Hummeltal
Gestaltung: Mathias Marxer/Gregor Schneider, Triesen
Druck: BVD Druck + Verlag AG, Schaan
Bindung: Bubu AG, Mönchaltorf
© 2026, Julius Bühler Stiftung, Mauren
________________________________________________
Pressebericht aus dem VATERLAND, 19. September 2026
_
Julius Bühler: Der Auswanderer, der zwischen zwei Welten seinen
Platz fand
Die Julius Bühler Stiftung präsentierte am Donnerstag die Biografie ihres Gründers «Julius Bühler – Ein Wanderer zwischen zwei Welten».
_
«Das ganze Universum strebt nach Chaos.» Mit diesem Satz eröffnete Wilfried Hoop von der Julius Bühler Stiftung die Buchpräsentation im Gasthaus Hirschen in Mauren. Auf den Menschen übertragen bedeute dieser Grundsatz der Entropie, dass alles und jeder in Gefahr laufe, vergessen zu werden. «Sich dagegen zu stemmen, ist eine der grossen Aufgaben der Menschen», so Hoop. Julius Bühler, auch Jule genannt, habe sein Leben lang gegen dieses Vergessen angekämpft. Er selbst habe zu seinen Lebzeiten die nun neu erschiene Biografie angestossen, habe das ursprünglich als Autobiografie gedachte Werk jedoch nicht vollenden können. Nach seinem Tod 2022 übernahmen die Stiftung sowie die Historikerin, Martina Sochin-D’Elia diese Aufgabe. Aus dem reichen Fundus an hinterlassenen Dokumente sowie den Erinnerungen von Familie, Freunden und Bekannten entstand ein umfangreiches Werk über das Leben eines Auswanderers in die USA, welcher in seinem Herzen seiner alten Heimat Mauren immer treu blieb.
Riesiges Privatarchiv als «Schatz für Historiker»
Die vollendete Biografie vermittle eine Nähe zu Jule Bühler, die aufwühle und berühre, so Hoop. Die Verfasserin Martina Sochin-D’Elia lernte den Auswanderer erst durch die Arbeit an seinem umfangreichen Nachlass kennen. Persönlich sei sie ihm leider nie begegnet, aber Dokument um Dokument, Puzzlestück um Puzzlestück sei sie der Person Julius Bühler näher gekommen. Als die Historikerin Bühlers handschriftliche Notizen aus der Kindheit im «unverstellten, direkten Muurer Dialekt» das erste Mal las, sei dies für sie ein besonderer Moment gewesen:
«In diesem Moment hatte ich wirklich das Gefühl, dass ich Jule nach seinem Tod noch kennenlernen durfte.»
Jule Bühler dokumentierte sein Leben akribisch. Auch Sochin-D’Elia als erfahrene Historikerin habe noch nie so ein umfassendes Privatarchiv gesehen, ein wahrer Schatz für Historiker. Prägend für das Leben des gebürtigen Maurer war die Auswanderung in die USA. Über eine relativ lange Zeit spüre man in seinen Zeugnissen eine Zerrissenheit zwischen der neuen Heimat und einer Rückkehr in die alte, erzählt Sochin-D’Elia. Insbesondere in den Briefen an seinen Bruder Alfred: «Jule schreibt sehr offen über seine Zweifel und Frustration, als er zu Beginn Mühe hatte, in Chicago Fuss zu fassen.» Dies sei vor allem bemerkenswert im Kontrast zum älteren Jule, welcher als «souveräner Weltbürger» auftrat. Doch Jule Bühler verlor nie die Verbindung zu seiner Heimat. In den USA sammelte er die Geschichten von Liechtensteinern, die vor ihm in die Staaten ausgewandert waren. Auch hier ging er akribisch vor und durchsuchte unter anderem Telefonbüchern nach Namen von Familien mit möglicher Verbindung zu Liechtenstein.
Ein Geschichtenerzähler voller Wärme
Nicht nur in Dokumenten und anderen materiellen Zeugnissen hinterliess Julius Bühler seine Spuren, sondern auch in den Erinnerungen seiner Bekannten, Freunden und seiner Familie. Auch diese Erinnerungen flossen in die Biografie ein: «Diese Gespräche haben mir Jules Wesen nähergebracht. Seine Herzlichkeit, Gastfreundschaft, seinen Humor, aber auch seine Ruhelosigkeit», erzählt Sochin-D’Elia.
«Do het ma net umegluaget und Spass dabei ka»
Die Biografie umfasst neben den Texten zu den Lebensabschnitten von Julius Bühler auch selbst verfasste Dokumente des Maurers, zahlreiche Fotos sowie Interviews mit Personen, die aus ihren Erinnerungen erzählen. Besonders berührend sind seine Kindheitserinnerungen, niedergeschrieben im Maurer Dialekt. So erzählt der junge Jules, wie er zwischen April und Oktober immer barfuss unterwegs war – auch in der Kirche. «Ma het dr Kuadreck und d’Rosbolla o net vermeda und vor allem dr Kuadreck ischt denn zwöscha da Zeha uffa ko wenn ma dri gschtanda ischt. Do het ma net umegluaget und Spass dabei ka.»
Auch folgt die Biografie einem jungen Erwachsenen, den es immer wieder von zu Hause in die Ferne und schliesslich in die USA zog. In den Staaten angekommen, lernt Jule Bühler schnell deren Schattenseiten kennen. «Menschliche Beziehung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer existiert nicht, sondern man offeriert sich mehr oder weniger als Ware auf einem Markt», schreibt der Auswanderer. Dass ihn dort auch Wildfremde mit Vornamen ansprechen, «ekelt» ihn an.
Dennoch bleibt Bühler in den USA. Bühler sei eine Person, die das Dazwischen zu seinem Ort gemacht habe, fasste Martina Sochin-D’Elia zusammen. «Er zeigt uns: Es muss nicht immer A oder B sein, man darf sich zwischen zwei Welten hin und her bewegen.» Bühler habe sich immer als Vermittler engagiert, meinte auch Norbert Ritter. Eine Botschaft will er im Namen seines alten Freundes der jungen Generation mitgeben: «Geht in die Welt hinaus, lernt sie kennen und habt den Mut, euch auch mal etwas zu trauen.»